Teil 1: Privileg und Freiheit in Württemberg

Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel. – Wilhelm Busch

Das frohe Herz ist allerdings nicht das einzige, was mich begleitet. Das Interesse nach erhabenen historischen Gebäuden lässt mich auf die Suche nach Bibliotheken, Kirchen und wie hier im „blühenden Barock“ einem Schloß gehen.

Und dann findet diese Reise auch einen Lebensbezug zu meiner aktuellen Situation.
Die gegebenen Tatsachen als selbstverständlich und natürlich hinzunehmen, ist eine mögliche Lebenseinstellung. Die andere wäre, sich bewußt zu machen, wie es für Menschen in anderen Städten, in anderen Ländern oder Kontinenten oder sogar zu einer anderen Zeit bezüglich dessen aussah. Was mich betrifft, so durfte ich nach der Grundschule ganz selbstverständlich ein Gymnasium besuchen und mich danach entscheiden, ob und wo und was ich studieren möchte. Vor zwei Tagen wartete ich in der Schlange vor dem linguistischen Prüfungsamt, tauschte noch die eine oder andere Erfahrung mit Kommilitonen aus und packte dann die drei Exemplare meiner gedruckten Magisterarbeit aus, um sie abzugeben. Damit ist das Ende meines Studiums in greifbare Reichweite gelangt. Und niemand hatte Grund oder Interesse mich davon abzuhalten. Es ist völlig selbstverständlich, dass ich in Seminaren neben einem Studenten sitze, meine eigenen Meinung laut vertrete und die der anderen kritisieren könnte.

Angenommen, ich hätte 120 Jahre eher gelebt. Angenommen ich wäre ebenfalls als Frau geboren. Vermutlich wäre ich nicht einmal auf den Gedanken gekommen, studieren zu wollen. Der Bildungsweg sah für Mädchen maximal den Besuch Höherer Töchter- oder Mächenschulen vor bzw. Lehrerinnenseminare, die jedoch nicht auf höhere Bildung vorbereiten sollten, sondern dazu dienten, aus den Mädchen bessere Ehefrauen/Haushälterinnen zu machen. Welche Missachtung von Potential.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf private Initiativen zurückführend Mädchengymnasien eröffnet, das erste 1893 in Karlsruhe, 1899 eins in Stuttgart. Erst damit konnten auch Mächen auf ein Studium vorbereitet werden. Den Widerstand dagegen kann man sich vorstellen, wie gut, dass es sich durchgesetzt hat. Und wie unverständlich erscheint mir heute der Normalfall vor etwas über 100 Jahren. Und doch kann ich nun meine persönlichen Privilegien und Freiheiten umso mehr schätzen.

Gut also, dass ich hier im Süden meine Reise beginne. Mal sehen, ob ich noch ein Foto dieses Stuttgarter Gymnasiums knipsen kann.
Auf den weiteren Stationen will ich mich von diesem Teil deutscher Frauengeschichte leiten lassen.

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