Philosophische Betrachtung eines außergewöhnlichen Zustandes

Um die falschen Hoffnungen gleich von vorherein wegzunehmen: ich werde nicht philosophieren, sofern man dieses Verb im wörtlichen Kontext so verwendet (Kann ein Wort seine ursprüngliche Bedeutung komplett verlieren und nur noch sinnbildlich verstanden werden? Klar, oder? Mir fällt nur gerade kein treffendes Beispiel ein.).

Ich möchte einzig aus Erfahrung sprechen: Schwangerschaft, Geburt und die ersten Wochen mit dem eigenen kleinen Schatz verändern, und zwar außerordentlich, fast alle Facetten des Lebens. Geben diesem, ganz abstrakt, plötzlich einen weiteren, anderen Sinn, verschieben Prioritäten, legen Maßstäbe neu an, geben und verlangen einen riesigen Haufen an Kraft, lassen einen Höhen und Tiefen von Gefühlen durchleben, die so noch nie da waren. Puh.

Nun, da hat es mich in den letzten neun Monaten immermal interessiert, ob es denn nicht gescheite Philosophen gäbe, die diese Zustände durchdacht und analysiert sowie in eine Theorie gepackt hätten. Diese hätte ich gerne gelesen. Die Probleme bei der Sache: das Werk eines männlichen Philosophen hätte ich zwar gelesen, nur von vornherein als lächerlich bzw. spekulativ abgetan, da man schlecht ernsthaft über etwas schreiben kann, was man nicht durchlebt hat. Und leider, leider gibt es aus historischen Gründen eher wenig Werke von weiblichen Philosophen, so dass hier schlicht kaum Auswahl ist. Ohne einen zufriedenstellenden Fund stoße ich dann doch zufällig auf genau das, was ich gesucht habe.

Aus Gründen der reinen Vollständigkeit bestellte ich mir das Hauptwerk von S. de Beauvoir („Das andere Geschlecht“), um es endlich selbst zu lesen. Und siehe da, von Seite 1 ab betrachtet sie meine Fragestellungen wunderbar klar und analytisch von verschiedenen Ebenen aus, genau das was ich gesucht hatte! Man stelle sich die Situation vor, da sitze ich nun als eine der frischgebackenen Existenzformen, die sie in ihrem Werk darlegt, stille meine Kleine und lese, wie sie genau diese Rolle zerpflückt nach ihrer historischen, mystischen und existierenden Bedeutung, Herkunft, wie auch immer. Ich kann also live aus der Erfahrung heraus ihre Analyse nachvollziehen und ihre Kritik auf den Ist-Zustand beziehen.

Eine erheiternde Situation, die ich gerne teilen wollte.

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2 Gedanken zu “Philosophische Betrachtung eines außergewöhnlichen Zustandes

  1. Hallo liebe Anne,
    ein sicherlich sehr schönes Thema, um darüber zu „philosophieren“.
    Bin gespannt zu welchem Resümee deine Erfahrungsanalysen führen werden — falls du darüber nachdenken solltest, sie öffentlich bekannt zu machen oder privat mitzuteilen.

    Vielleicht interessiert dich neben der Philosophie, auch eine Theologie der Geburt? (http://www.hanna-strack.de/rezensionen-zur-theologie-der-geburt/)

    Viele gute Eindrücke dir bei deinen Studien,
    samuel

    p.s. Da du geschrieben hast, das eine männliche Philosophie über die Schwangerschaft etc. spekulativ/lächerlich sei, frag ich mich ob es etwas anderes ist, wenn es Beauvoir tut. War sie denn nicht auf kinderlos geblieben — aber das nur aus meinem schlecht recherchierten Halbwissen heraus.

  2. Falsche Implikation, denn sie hatte tatsächlich keine Kinder (ob sie mal schwanger war, weiß ich nicht). Du hast recht, wenn man den Text liest, denkt man, ich meine das so. Aber das Werk von Beauvoir handelt vom Frausein (wo Schwangerschaft, Geburt, Stillen etc dazugehört) und sie betrachtet es als „Frau“ (d.h. als ein Mensch, der zur Frau gemacht wurde, von der Umwelt als Frau angesehen wird und entsprechend behandelt). In diesem Sinne interessiert mich kein Werk eines Mannes über Frauen (von denen es zigtausende gibt, warum auch immer) aus der Perspektive eines Mannes, der nicht wissen kann, wie es ist, in der Haut einer Frau zu stecken (und damit den Vorstellungen der Gesellschaft, wie eine Frau zu sein hat, wie sie ist und den Mythen, die damit einhergehen (z.B. der Mythos des Geheimnisvollen etc), ausgesetzt ist).
    Bin mittlerweile so ziemlich halb durch und wie man sieht, schon sehr von ihr beeinflusst 🙂

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