Der kleine aber entscheidende Unterschied

doofSeit drei Wochen, bzw seit dem Geburtstag des Krawallbabys (der übrigens richtig schön war, dank allen Gästen, dem Wetter und der Location) gehe ich wieder arbeiten. Wenige Stunden zwar, (Mittwoch nachmittag 2-2,5h und Freitag nachmittag 3h) aber immerhin. Ich breche dann jeweils von zuhause auf, überlasse das Krawallbaby der Oma oder dem Papa, was jeweils sehr gut funktioniert und tauche ein in eine Welt a.k.a. Arbeitswelt, von der ich mich im letzten Jahr a.k.a. Elternzeit sehr entfernt hatte. Und diese kleine Änderung meines Alltags bewirkt doch so eine gewaltige Veränderung meiner Sicht der Dinge inklusive meiner Zufriedenheit. Das hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich bin enorm froh, das genau so durchgezogen zu haben. Auf der anderen Seite bringt es mich aber zum Nachdenken und zeigt mir, wie stark ich dem Diktus meines Umfeldes und meiner Vergangenheit unterworfen bin. Damit ihr mich versteht, noch ein paar Erläuterungen und meine Interpretation dieser Sache.

Im Jahr nach der Geburt und der Elternzeit habe ich genau dafür Geld bekommen, dass ich mich um das Baby kümmere, ihm alles gebe, was es braucht, die Verantwortung dafür trage und eben einfach Mutter bin. Das war mein „Job“. Ein 24h Job an 7 Tagen der Woche zwar, mit nur kurzen Pausen und keinerlei bzw widersprüchlichen Arbeitsanweisungen (von Verwandten, anderen Eltern, Internetforen…). Aber es war meine Aufgabe und die wollte ich natürlich gut machen um nicht zu sagen, ich wollte alles richtig machen. Wer selbst ein Baby hat, merkt schon das Problem an der Sachlage. Bei einem Baby kann man nicht alles „richtig“ machen, bzw selbst wenn man das tut, heißt das noch lange nicht, dass es dem Baby dann gut geht oder es sich so verhält wie gedacht. Das bedeutet, auch wenn ich alle Bedürfnisse erfüllt hatte und das Baby satt, trocken, geliebt war, hat es trotzdem gemeckert oder geschrien. Weil es das wohl eben brauchte. Oder es konnte eben nicht einschlafen, trotz stillen, schaukeln, wiegen, singen, streicheln, tragen, Zahnweh-weg-Mittel etc. Jedesmal wenn es müde war, so ungefähr die ersten 3-4 Monate. Das frustriert. Unglaublich schnell und sehr. Man setzt sich komplett für den „Job“ ein, stellt alle eigenen Bedürfnisse nach hinten und schafft es nichtmal, die Sache wenigstens ganz okay zu machen, zur Zufriedenheit halt. Ganz im Gegenteil. Es kommt kein Dank, sondern man wird angeschrien. Im übermüdeten Zustand. Soviel Kraft muss man erstmal aufbringen, da nicht zu verzweifeln. Dazu kam die Ansicht von außen (was eigentlich von innen ist, so sehr verinnerlicht habe ich diese Einstellung), das man als nur Mutter (und Hausfrau) ja gar nichts sinnvolles (im Sinne von wirtschaftlich produktives) tut. Ein einziger Kreislauf der Frustration. Es wurde zwar mit der Zeit und dem Älterwerden des Babys besser, aber noch vor ein paar Wochen war die Ausgangssituation gleich. Das Baby meckert beim Essen, weil es schon so müde ist und es nicht schnell genug geht: ich habe im Job versagt. Es kann abends nicht einschlafen, weil die Zähne so drücken: Aufgabe als Mutter nicht erfüllt. In diesen Situationen war der Ärger des Babys direkte Anklage an mich als Mutter, denn es ist ja wohl meine Aufgabe, diesen Ärger zu vermeiden oder direkt aufzulösen.

Und nun beginne ich wieder mit Erwerbsarbeit, gesellschaftlich anerkannt in Form von Lohn. Ich beteilige mich an einem Arbeitsprozess,  der bleibenden materiellen Wert schafft (und wische nicht nur Essensreste unterm Tisch weg, wovon man nach der nächsten Mahlzeit nichts mehr sieht). Ich komme heim und habe den Job schon geschafft. Alles was jetzt kommt, ist meine Freizeit, wird nicht beurteilt, da ich dafür nicht bezahlt werde. Ich kann es einfach so annehmen, wie es kommt, ob das Baby nun eine guten oder schlechten Tag hat, ob es einschläft oder lieber die halbe Nacht zum Tag macht. Schon am ersten Arbeitstag habe ich diesen riesigen Unterschied darin gemerkt, wie unglaublich gelassen ich an diesem Abend sein konnte. Ich konnte mit viel mehr Liebe auf das Baby eingehen und geduldig und gut gelaunt bleiben, bis es endlich schlief. Ich konnte mich am nächsten Tag aufmerksamer auf alle Spiele und Beschäftigungen einlassen und wollte möglichst viel Zeit mit ihm nutzen (denn natürlich hatte ich das Baby in der Arbeitszeit schrecklich vermisst). Jetzt war das Verhalten des Babys, wie schon erwähnt, keine Bewertung meiner Arbeit mehr. Der „Sinn“ meiner Tage lag nun woanders. Was für ein Unterschied.

Im Gespräch mit einer Freundin bestätigte sie mir diese Erfahrung,  da es ihr auch so ging, als sie wieder mit arbeiten anfing.

Wo liegt nun aber das Problem, was ich am Anfang schrieb? Dazu nur ein paar Fragen.

1. Wieso empfinde ich/die Gesellschaft Arbeit nur sinngebend/wertvoll, wenn es Erwerbsarbeit ist? (Zur Aufwertung von sog. Reproduktions- oder Fürsorgearbeit einfach mal den Blog von Antje Schrupp durchsuchen oder hier.)

2. Wieso braucht man die Bestätigung, etwas gut gemacht zu haben, um es auch zu empfinden?

3. Dazu auch die Frage, wieso wir es verlernt haben, was im Umgang mit Babys (und wahrscheinlich auch Menschen allgemein) wichtig ist? Da passen nämlich die Anforderungen der Effizienz, des pietistischen schaffen-schaffen und nur nicht ruhen, nicht, wie ich behaupte.

4. Wie kann es sein, dass ich kein Problem habe, eigene Bedürfnisse zu ignorieren (das sogar erwartet wird), ich mich dann aber wundere, wenn es mir schlecht geht?

Antworten, anyone?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s