Anders lesen

Noch vor einigen Jahren habe ich richtig, richtig viel gelesen. Immer hatte ich ein Buch dabei, überall. Das hat sich schlagartig geändert mit der Geburt. Ich verschlinge zwar noch gerne Zeitschriften oder Blogartikel und wenn die Zeit dazu nicht reicht, eben Tweets, aber Bücher sind schwierig. Es fehlt die Zeit, die Ruhe und Muse und auch die Konzentrationsfähigkeit wegen chronischem Schlafmangel. Deshalb liegen hier einige angefangene Bücher herum, deren Beendigung ich auf sehr viel später verschoben habe. Vielleicht nehme ich mir auch die falschen vor (James Joyce – Ulysees, haha, ich weiß; oder S. de Beauvoir – Das andere Geschlecht, mittlerweile recht zäh).

Ich habe also auf andere Sparten umgestellt, Erzählungen (Alice Munro!!) oder allgemein kürzere Werke. So wie das diesjährige obligatorische Silvesterbuch*. Zu gerne habe ich auch die Bücher in Originalsprache gelesen, jetzt bin ich froh, wenn ich mich auf den deutschen Text konzentrieren kann.

Da scheint es mir nicht allein so zu gehen. In den letzten Tagen habe ich zwei Blogeinträge gelesen, die genau dasselbe Dilemma beschreiben. Ich würde sie gern verlinken, finde nur leider die Links nicht mehr.

2014-01-19 09.20.59In diesem Zusammenhang will ich gerade noch eine Sache beschreiben, die mich schon lange beschäftigt. Vor einer Woche habe ich von einem Arbeitskollegen, der seinen Dachboden ausräumt, eine Kiste fein in Leinen gebundener Bücher erhalten (prima internationale Literatur der DDR, hauptsächlich im Aufbau- und Dieterichs-Verlag). So schön, so gut. Als ich dann die Literaturangaben aufnehme, um sie geordnet in meine kleine Bibliothek stellen zu können, fällt mir auf, dass von den 46 Werken genau EIN (in Zahlen: 1) Buch von einer Frau geschrieben ist. Madame de Lafayette – Die Prinzessin von Clèves. (Sie hatte wohl aufgrund ihrer Herkunft als französische Adlige das Privileg zu schreiben.) Dieses Verhältnis deckt sich auch mit meiner Literatursozialisation: die Bücher, die ich als Kind und Jugendliche verschlungen habe, waren nur im Ausnahmefall von einer Autorin geschrieben (Liebesromane waren und sind nicht so meins). Und das hat mir einige Verwirrung und Identitätskrisen gebracht. Die Frauenfiguren in vielen Werken der Weltliteratur, die von einem Autor geschrieben wurden, sind seltsam oberflächlich und eindimensional be- und geschrieben. Das fällt auch in den meisten Filmen/Blockbustern auf, in denen Frauen nur so die Randfiguren sind, keine entscheidenden Rollen spielen und nicht ganz so oft etwas zu sagen haben. (Dazu sei der Bechdel-Test erwähnt, höchst interessant!)

Wie soll man so weibliche Vorbilder finden und sein eigenes Erfahren reflektieren? Wie soll man sich nicht seltsam und abnormal vorkommen, wenn alle Frauen, über die man liest so „typisch weiblich“ alle Klischees über Frauen erfüllen und ich selber aber eben anders bin? Deshalb ja, ich vermisse die Frauen. Lange Zeit dachte ich wirklich, ich hätte besser ein Junge werden sollen, weil ich nicht dieses typische Mädchen war. Nicht einen Moment bin ich darauf gekommen, dass diese Frauenfiguren, die mich so irritierten, eben nicht die Realität widerspiegeln sondern nur ein flaches Abbild realer Frauen sind bzw. die Art und Weise, wie sie auf den Mann als Autor wirken.

Mittlerweile lese ich hauptsächlich Bücher von Autorinnen. Und es ist so viel besser! Endlich finde ich es absolut nachvollziehbar, wie die handelnden weiblichen Figuren denken / reden / empfinden, ich erkenne mich oft wieder, ich kann mich hineinversetzen und manche Dinge für mich übernehmen. Ein Vergnügen!

Danke Virginia**

*Irgendwie schaffe ich es unbewußt, jedes Jahr über die Feiertage nach Weihnachten bis Silvester, Bücher zu lesen, welche eine Gemeinsamkeit teilen. Kuchen für denjenigen oder diejenige, die diese herausfindet. (z.B.: Nick Hornby – A long way down; Virginia Woolff – The Waves; Sylvia Plath – Die Glasglocke)

** Virginia Woolf (1882 – 1941), mittlerweile habe ich wohl alles literarische von ihr verschlungen, ich empfehle besonders: „Ein eigenes Zimmer“ und „Mrs Dalloway“.

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