Wenn ich Zeit hätte…

Wenn ich Zeit hätte, würde ich vom heutigenTag berichten. Ich würde beschreiben, wie dunkel, verregnet und trübselig der Morgen war; ich auf Arbeit im Büro bis zum zweiten Frühstück allein war, weil meine Kollegin Urlaub hat und fast niemand anrief, was gerade für einen Donnerstag ungewöhnlich und fast schon unheimlich war. Weiterhin würde ich vielleicht kurz schildern, wie ich, als es langsam heller wurde, die Jalousie doch etwas öffnete, um zu merken, dass ich wohl doch nicht allein auf der Welt bin. Vielleicht würde es mir gelingen, den krassen Gegensatz darzustellen zur zweiten Hälfte meines Arbeitsvormittags, als Chef und Kollege eintrafen und urplötzlich das Telefon gar nicht mehr stillstand, ich den Hörer des einen und das kabellose andere Telefon von einem Ohr und zum anderen nehmen musste und zwischendrin versuchen, einige Dinge mit dem Chef abzusprechen. Auf jeden Fall würde ich darüber schreiben, wie ich das erste Mal wieder aufatmen konnte, als mein Lieblingskollege ungeahnt zum Mittag auftauchte und wir ungestört quatschen und uns austauschen konnten. Ich würde schildern, wie froh ich war, dass er mir einen Weg zur Post ersparte und ich schneller Feierabend machen konnte, um zum krankem Kind zu eilen und den Mann abzulösen, der dann nachmittags arbeiten konnte. Vielleicht würde ich erläutern, wie verwunderlich es ist, dass das Kind seit 2 Tagen mittags keine Anstalten mehr macht, müde zu sein und im Bett spielt und ruht, aber eben nicht schläft. Vielleicht würde ich es auch nicht erwähnen. Genausowenig den Besuch von Oma, die auf das Kind aufpasst, während ich einen zahnchirurgischen Termin (zum Glück nur eine Vorstellung!) wahrnehme. Obwohl ich ihr dafür unendlich dankbar bin, dass das so gut und immermal wieder funktioniert! Es leben die Großeltern in der Nähe! Definitiv würde ich über den Ausflug in die „Stadt“ zum Zahnarzt plaudern, lang und breit – wie mich die Gerüche an meine Zeit in Leipzig erinnern, ich in die Karli zurückversetzt werde, die Straßenbahnen rattern höre und die unterschiedlichen Menschen sehe und reden höre – es war wunderbar. Ich würde bestimmt mein Erlebnis in der Zahnarztpraxis schildern, komplett in weiß, aus einem Werbeprospekt oder einem SciFi-Film entsprungen, die Zahnarzthelferinnen vom Laufsteg, der junge französische Arzt, der keine Sekunde zulang im Behandlungszimmer verweilen mochte und ich es nicht schaffte, ihn auf französisch zu beeindrucken. (prust) Ich würde über das angenehme Gefühl schreiben, mit dem ich viel früher als gedacht, aus der Praxis treten konnte und noch Zeit hatte zwei Läden zu tangieren – 4 Sachen für das Kind kaufen (3 Kleidungsstücke, etwas Knete), 3 Nähgarnrollen für mein aktuelles Nähprojekt. Ich würde vielleicht noch kurz über die schöne Heimfahrt schreiben, wie ich es mag mit lauter Musik und in Abendstimmung durch das Gebirge zu fahren. All das würde ich schreiben, wenn ich Zeit hätte.

Schade, dass ich keine habe.

Ach ja, Stadt riecht übrigens nach Döner.

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