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Das mit dem AP

In einem Brief (ja, einem echten handschriftlichen!) wurde angenommen, ich hielte viel von Attachment Parenting bzw. Bindungsorientierter Elternschaft und mir wurde dazu dann eine Frage gestellt. Auch wenn ich mich mit dem pädagogischen Konzept als solches gar nicht so gut auskenne, vor der Geburt des Kindes noch nie was gehört hatte, so scheint es doch zu stimmen. Zumindest wenn ich jetzt so rückblickend darüber nachdenke.

An dieser Stelle lasse ich mal einen kleinen Einblick in unsere Praxis folgen, bezüglich der heißdiskutierten Themen bindungsorientierter Elternschaft (Schlafen, Stillen, Tragen, Essen, Windeln, etc). Im Grunde habe ich im Laufe der ersten Monate mit dem Kind über alles mal mehr oder weniger nachgedacht und dann je nach Situation entschieden.
Außer der Sache, dass ich nicht unbedingt einen Schnuller geben wollte, dieses wusste ich schon vorher. Das lag z.T. daran, dass ich selber als Baby keinen wollte (und das später als etwas positives betrachtete) und dass ich dachte „was man nicht angewöhnt, muss man auch nicht abgewöhnen“. Das dazwischen 1-2 Jahre Einschlafprobleme liegen könnten (die vermutlich mit Schnuller nicht so anstrengend gewesen wären, wer weiß), hab ich nicht bedacht und ist etwas, was ich ein wenig bereue.
Ich gehöre allerdings zu den Glücklichen, bei denen das Stillen super funktionierte, dank hungrigem Kind. Nachdem ich eingesehen hatte, dass es Quatsch ist, einem Kind schon von Anfang an beibringen zu wollen, allein einzuschlafen (die Nonomo war trotzdem eine super Anschaffung), habe ich mir und damit allen den Gefallen getan, einfach zu akzeptieren, dass Einschlafstillen in Ordnung ist.
Manchmal war es mir zu viel, es gab etliche Phasen in denen ich gerne abgestillt hätte (um nicht die Einzige zu sein, die das Kind ins Bett bringen kann), ich habe nur gemerkt, dass das Kind die Nähe, Geborgenheit brauchte und so hab ich kurz mit mir gerungen und entschieden, dass es wichtiger ist, was das Kind gerade braucht, und ich insofern flexibler bin, bzw. auf lange Sicht denken kann (denn irgendwann, und mittlerweile ist es soweit, kann ich abends natürlich wieder weggehen und alle Freiheiten genießen, das Kind jedoch ist nur einmal so klein und hilfsbedürftig). Das ist wahrscheinlich genau der Punkt am Bindungsorientierten Elternsein. Die Bedürfnisse eines Kindes bekommen die Wichtigkeit, die jedem Menschen zustehen. Eben schon von Anfang an. Und wenn Eltern auch die Verantwortung tragen und über das Kind entscheiden, heißt das doch nicht, dass der Wille des Kindes unbedeutend ist.

Aber zurück zu den Streitthemen: ich trug ganz viel im Tragetuch, da dies eine sichere Methode war, das Kind zum Einschlafen und etwas längeren Schlafen zu bringen. Gut für es und für mich. Windeln waren fast keine Frage, klar lebe ich auch lieber eher ökologisch, nur ich kam so kaum klar mit mir und Kind versorgen und Mann auf Montage, wie hätte ich da noch Zeit und Kraft finden sollen, ständig Windeln zu waschen und aufzuhängen etc.
Im 7. Monat haben wir Brei angeboten (also kein Baby-Led-Weaning), schön selbst gekocht und da das gut ankam, wurde irgendwann das Essen einfach zerdrückt und auch härtere Sachen angeboten. Ich habe mich da von dem Kind leiten lassen, was ging und schmeckte, gab es und was nicht, nicht.
Familienbett kam insofern überhaupt nicht in Frage, da unser Elternschlafzimmer nur über eine steile Treppe im Dachgeschoss erreicht werden kann. Diese konnte ich mit einem Neugeborenen nicht erklimmen, also zog ich selbst die ersten Monate zur Schlafstätte des Kindes um. Später schlief ich wieder oben und stand halt 4 – 10 mal in der Nacht auf und kletterte runter. Aber was solls. Zumindest in der Zwischenzeit konnte ich tiefer und besser schlafen, als direkt mit Kind daneben. Ich tat einfach das, was in dem Moment für das Kind und mich am praktischsten bzw. besten war.
Aus dem Grund ging ich auch mit dem ersten Geburtstag des Kindes wieder stundenweise arbeiten, während Oma und der Mann da waren. Mir ist in meinem Leben noch nie so sehr die Decke auf den Kopf gefallen, wie in den ersten 12 Lebensmonaten des Kindes. Diese paar Stunden gaben mir ein kleines Stückchen Ausgleich und umso besser ging es mir und umso besser konnte ich mich um die Bedürfnisse des Kindes kümmern, war geduldiger etc. Ich folge also nicht komplett den Empfehlungen von AP-Anhängern, aber vom Grundsatz her.

Ich kenne Gott sei Dank in meinem Umfeld kaum Leute, die dazu kritische oder gemeine Kommentare abgaben, wie in diesem Internet hier so oft zu beobachten ist (z.B. wie Frische Brise schreibt). Ich habe mich sehr oft mit meiner Schwester abgeglichen, was sie wie macht und warum und dann für mich entschieden, wie ich es handhabe (wobei wir natürlich oft einer Meinung sind, gleiche Mutter und so). Informiert habe ich mich natürlich auch online und bin so auf viele tolle Bloggerinnen und Blogs gestoßen, die mir weiterhalfen oder erstmal bewußt machten, dass ich nicht die einzige mit diesem oder jenem Problem bin bzw. das dieses gar kein Problem ist, sondern wunderbar normal. Geborgen wachsen z.B. oder Umstandslos

Und nun zur ursprünglichen Frage dazu: Gibt es Grenzen, die dem Kind gesetzt werden und was geschieht bei dessen Nicht-Befolgung, d.h. welche Konsequenzen folgen? (Eigentlich „Strafen“ genannt, nur ich denke, der Begriff trifft im Alter meines Kindes (2,5 Jahre) noch gar nicht zu*)

Es gibt eindeutige Grenzen: nicht auf die Straße laufen oder fahren, nicht irgendwo zu weit hoch runterspringen, nicht mit dem Messer sich oder andere schneiden etc, eben (lebens)gefährliche Sachen. Darf nicht sein. Falls ich sehe, die Intention ist da, wird ganz klar nochmal das Verbot ausgesprochen und dann eben davon abgehalten. Falls es doch passiert ist, dann sage ich laut und streng, dass das nicht gut war, was immer schon genug Wirkung zeigt. Sprich, das Kind reagiert sowieso sehr sensibel auf meine Gemütszustände und ist äußerst betrübt, wenn ich denn mal ärgerlich werde. Das führt dann dazu, dass ich im Grunde nach dem streng-sein das Kind trösten muss und deutlich machen, dass ja alles gut gegangen sei und beim nächsten Mal besser aufgepasst wird.

Und sonstige Grenzen? Ich muss lang nachdenken, kommt immer auf die Situation an. Ich möchte keine Zustände, in denen Angst herrscht, wenn mal Essen herunterfällt oder etwas kaputt geht. Es kommt schon vor, dass das Kind etwas nach Verbot gerade tut und dabei spitzbübisch lächelt. In dem Fall sorge ich eher dafür, dass es das nicht wieder tun kann (außer Reichweite stellen, ablenken, oder Späßchen machen, dass es auf andere Gedanken kommt), anstatt einfach das Verbot zu wiederholen und damit eine Situation mit dieser Provokation zu schaffen, in der das Kind fast gar nicht anders reagieren kann, als es wieder zu tun (impulsgesteuert etc). An anderen Stellen sind Grenzüberschreitungen ganz klar Hilferufe (wenn das Kind nach dem Ins-Bett-Bringen nochmal aufsteht) und erfordern Abhilfe durch uns. Irgendetwas stimmt nicht um beruhigt einschlafen zu können und deshalb wird trotz der Ansage von Schlafenszeit aufgestanden. Eine negative Folge wäre hier fehl am Platz. Das Verständnis für die Situation des Kindes ist mir enorm wichtig und es fällt meist auch nicht schwer, mich da hineinzuversetzen. Aber auch so sind wir wohl eher nicht so streng, setzen viel auf Zusammenhänge erklären und das Kind überrascht mich manchesmal, wie verständig es schon ist (keine Süßigkeit nach dem Zähneputzen, sonst werden die Zähne wieder dreckig – okay, Mama).

Eventuell kann ich mehr dazu sagen, wenn das Kind größer ist, wir werden sehen.

Schön, dass auch gerade heute dieser Blogartikel bei Geborgen Wachsen online gestellt wurde, was die Sache von einem bestimmten Aspekt aus betrachtet: Ein Leben ohne „wenn… dann…“

Bei Verständnis- oder sonstigen Fragen, die Kommentare sollten funktionieren 🙂

*hier sollte jetzt eine valide Definition von „Strafe“ stehen, z.B. „Konsequenz für eine Tat mit bestehendem Unrechtsbewusstsein und dem Wissen um die Folgen“ und ich würde argumentieren, ein Kind mit 2,5 Jahren ist von der Entwicklung her noch nicht in der Lage, den Anlass für eine Strafe zu erfüllen

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„Das Kind hat dich ganz schön im Griff“

Im letzten Blogpost habe ich erzählt, wie ich rätseln musste, was diese Aussage bedeutet und was mich daran stört. Dazu ein paar kurze Gedanken.

Etwas im Griff zu haben, bedeutet, Kontrolle auszuüben, jederzeit die Oberhand zu haben, zu bestimmen, was passiert oder was nicht. Es beinhaltet also ein gewisses Bewußtsein dafür und den Willen dazu, die Dinge zu bestimmen und gewisse Ziele zu erreichen.

Dies auf ein Kleinkind zu beziehen, heißt also, man nimmt an, dass das Kind Dinge kontrollieren will, dass es bewusst manipuliert und seinen Willen durchsetzen will. Dieses Denken befindet sich also in derselben Kategorie wie die Annahmen „es schreit, um seinen Willen durchzusetzen“, „es ist wütend, um die Eltern zu manipulieren“ etc. Dafür braucht es ein Ich-Bewußtsein, oder? Soweit ich weiß, entsteht das genau in dem Alter, in dem das Kind gerade ist (18-24 Monate).*
Natürlich wird der enstehende Willen kräftig ausgetestet und ausgereizt. Wie weit kann ich gehen? Wo ist die Grenze? usw. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es mich kontrolliert.
Wenn es in einer Situation ist und nicht weiter kommt, sich erstmal nicht selbst helfen kann, so wendet es sich um Hilfe an mich. Das ist ja gut! Ich kann sofort helfen (z.B. wenn ich gerade keine Zeit oder Geduld für lange Auseinandersetzungen habe) oder ich mache Mut, dass es nochmal probiert und es auch schaffen kann! Wie auch immer, letzten Endes sehe ich dazu, dass das Kind ein Erfolgerlebnis und weiterkommt. So kann es ja lernen, dass es okay ist, was es will und dass es das auch erreichen kann, entweder indem es sich anstrengt oder eben eine Vertrauensperson um Hilfe bittet. Super.
Wenn es nun wie in der zuerst beschriebenen Situation ist und partout nicht in den Sitz auf der Rückbank möchte, ist das etwas anders. Wir mussten auf jeden Fall mit dem Auto heim fahren, es war Zeit für den Mittagsschlaf, da gab es keine Alternative. Dazu musste es aber in den Sitz und angeschnallt werden. Ich könnte es nun zwingen, damit den Willen brechen und erst mit dem Protest und dann der Enttäuschung des Kindes etc leben. Vielleicht wird auch ein kleines bisschen das Vertrauen zu mir angeknackst, wer weiß. Ich kann auf der anderen Seite „nachgeben“ und mich dem Willen beugen, was ja zu dem Kommentar veranlasst hat. Indem ich aber eine Möglichkeit anbiete, wie wir beide unseren Willen bekommen (heimfahren auf dem Beifahrersitz), konnten wir den Konflikt relativ unbeschadet überstehen.

Ist das nicht die bessere Wahl? Ich habe hier doch nichts an Autorität eingebüßt (zumindest weiß ich das jetzt im Nachhinein, da der Sitz hinten mittlerweile wieder überhaupt kein Problem darstellt, es war also nur eine kurze Phase) und der Willen des Kindes wurde respektiert, sodaß es sich nicht herabgewürdigt fühlen mußte. Die Dinge habe ich als Elternteil (zwangsweise) im Griff (zumindest meistens ^^) unter Berücksichtigung des Willens meines Kindes.

Dazu kenne ich einen schönen Text von der mäandernden Erziehung. Darauf gekommen bin ich dankenswerter Weise durch den Blog von MamahatjetztkeineZeit. Danke! Ich denke, das hat mir in den letzten Monaten schon oft geholfen, bei aller Hilflosigkeit meinerseits als Erstlingsmutti.

* Vorher hat das Kind einfach nicht die Fähigkeit und deshalb lehne ich es ab, solche Dinge zu glauben. Ein Baby schreit, weil es ein Problem hat und ein Kleinkind ist wütend, weil es eben gerade wütend ist und nicht um auf lange Sicht die Eltern zu „erziehen“. Wie absurd.