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Die Glücksformel

Sich an kleinen Dingen zu freuen geht am besten, wenn man wenig hat.

Ich habe ja diesen Kalender mit wöchentlichen Sprüchen von tollen Frauen. Diese Woche passt gut zu meinem Thema hier:

Das Glück ist nicht in einem ewig lachenden Himmel zu suchen, sondern in ganz feinen Kleinigkeiten, aus denen wir unser Leben zurechtzimmern. (Carmen Sylva, 1843 – 1916, dt.-rumän. Schriftstellerin)

Wenn ich so mein Prä-Kind-Leben vergleiche mit dem Leben jetzt, so könnten die Unterschiede fast nicht größer sein. Vorher entspanntes Studentinnen-Dasein, nie wirklich Grund aufzustehen, alles war möglich, nichts musste, alles war nach oben (und unten) offen. Und jetzt: ein enggespanntes Netz aus Verpflichtungen und Vorgaben und Regeln und Strukturen, um den Alltag halbwegs auf die Reihe zu bekommen, um das Geld zu verdienen, das gebraucht wird, um Futter und Wohnung und Betreuung und Transportmittel bezahlen zu können. Und im hier und jetzt bemerke ich ganz intensiv, was mir fehlt, was ich will und was mir gefällt. Und die wenigen Minuten am Tag, die ich genießen kann (allein, Ruhe haben, in der Sonne sitzen, auf dem Sofa lümmeln), kann ich nun auch wirklich genießen! Und ich stelle die Theorie auf, dass das eben an der Begrenzung derselben liegt. Habe ich mehr als genug (Zeit, Möglichkeiten etc), so ist es (mir) nichts wert. Hab ich zuwenig, so ist das wenige (mir) unendlich wertvoll.

Und manchmal wird es so richtig absurd: ich genieße die Zeit bei der Zahnärztin, während sie mir die Füllung erneuert (unangenehm!!), einfach weil ich nur dasitzen kann und nichts machen muss! Keine Entscheidung treffen, nicht kommunizieren, nicht antreiben/bremsen/Verantwortung tragen. Einfach machen lassen. Wunderbar! Kann das überhaupt jemand nachvollziehen, der nicht in meinen Schuhen steckt?

Wunderbar sind auch die Fahrten zur Arbeit und zurück, bei denen ich meine Musik (laut) anhören kann. Oder die heilige 3/4-Stunde am Abend, wenn das Kind endlich schläft (meist gegen 21 Uhr, selten mal eher) und ich mich ganz in Ruhe mal an den Laptop setzen und surfen kann oder in die weichen, gemütlichen Sofakissen sinke und mich in eine Kuscheldecke mummel. Traumhaft. DAS WÜRDE ICH GEGEN NICHTS AUF DER WELT EINTAUSCHEN! Und vor wenigen Jahren hätte ich das den ganzen Tag tun können und wenn ich mal 10 Minuten dasaß, hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen. Das ist z.B. auch komplett verschwunden. Wenn man den ganzen Tag von früh bis spät aktiv sein muss, alles zack-zack-zack abarbeitet und gerade so das Tagespensum schafft, dann hat man die Ruhe eben mehr als verdient, sagen meine inneren Stimmen.

Ich stelle also fest: um glücklich zu sein reicht es, das Leben enorm zu begrenzen und kleine Lücken für die Erfüllung der Bedürfnisse lassen. Mehr physischen Streß und weniger emotionalen Streß. Ich garantiere euch Glück in hohem Maße.* Werde ich jetzt reich??

*ohne Gewährleistung oder Anspruch auf Schadensersatz

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Die Löcher

Löcher kenne ich gut, diese Dinger. In meinem Leben gibt es so manche; ich habe hier mal versucht, sie zusammenzufassen.

Da wären zum Beispiel die Löcher in der Erinnerung „Habe ich heute schon was getrunken, oder nicht? Was sollte ich morgen der Tagesmutti mitbringen? Wie lang ist der letzte Besuch bei den Urgroßeltern her?“ Solche Sachen. Die Zeit, sie rast und wir kommen nicht hinterher. So wenig Kraft. Das liegt wohl auch an den Löchern im regelmäßigen Schlaf. 5 Stunden am Stück schlafen? LUXUS! Es gab Zeiten, da war ich sehr froh, überhaupt mal in eine Tiefschlafphase zu kommen.
Löcher entstehen auch im Freundeskreis. Bedingt durch den Umzug, allerdings verstärkt durch die mangelnde Flexibilität und die Unmöglichkeit, abends wegzugehen. In den letzten anderthalb Jahren genau 3! Mal probiert. Jeweils nach 0,75 bis 1,5h zurückkehren müssen, da das Kind erwachte und ohne Mama nicht wieder einzuschlafen gedachte. Es bleiben verständnisvolle und andere Eltern von kleinen Kindern, mit denen man sich hin und wieder privat oder auf dem Spielplatz treffen kann. Der Kreis der Menschen, mit denen man zu tun hat, begrenzt sich enorm. Auf Arbeit die Kollegen, die Tagesmutti, die Verwandtschaft, die man oft besucht, die Nachhilfekinder, die zu mir kommen und der Tankwart/Supermarktkassiererin/Bäckereiverkäuferin. Bemühen muss ich mich schon arg, hin und wieder die Mütter in der Krabbelgruppe zu treffen oder alten Freunden zu schreiben (Mail / SMS). Die restliche Zeit wird mit Kind verbracht, drin und draußen. Die Hausnachbarn und die Gartennachbarn hätte ich beinahe vergessen, doch damit ist der menschliche Kontakt komplett erschöpft! Für viele Menschen ist das sicher normal, ich finde es viel zu eng!
Ein weiteres Loch wurde in verschiedenen Medien vielfach hoch- und runterdiskutiert, nämlich das finanzielle Loch im elterlichen / mütterlichen Portemonnaie. Nach einer quasi Vollzeitstelle vor der Geburt bin ich nun in einem Minijob gelandet, der monatlich eher 200€ – 300€ abwirft. Davon gebe ich die Hälfte der Tagesmutti, die in der Arbeitszeit das Kind wunderbarst betreut (kann ich nicht genug betonen!). Den Rest erhält der Supermarkt, oder Online-Shops bzw. örtliche Läden für Kinderbedarf. Ach ja, Kindergeld kommt dazu, danke Staat! Reicht, oder? Hm.
Die Löcher, die mich am stärksten belasten, sind die emotionalen. Nach dem Krankenhausaufenthalt und den ersten Tagen zuhause, als ich einfach nur froh war, wieder zuhause zu sein, erfasste mich z.B. eins. Plumps. Drin.* Erschöpft sein, nicht wissen, wofür man das alles macht, war es das schon im Leben? Werde ich die nächsten 10-15 Jahre nichts anderes machen? Wann habe ich überhaupt Zeit für mich? Ist das abendliche Sitzen auf dem Sofa wirklich die tägliche Erfüllung? Irgendwann läuft der Alltag so reibungslos, dass man nicht mehr dazu kommt, daran zu denken. Oder die mangelhafte Erinnerung lässt einen vergessen, hat also auch sein Gutes, so ein Loch.

Und dann kommen Momente, da helfe ich dem Kind über die Löcher auf dem Weg hinweg, steche Löcher in Eier um sie dann auszublasen und gemeinsam anzumalen und bin begeistert, wie sich das Kind Löcher in den Bauch freut über die Katze der Nachbarin.

Diese Dinger, ich werde wohl mit ihnen auskommen müssen.

 

*Fairerweise muss ich erwähnen, dass ich solche Phasen auch vor dem Kind gut kannte.

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Philosophische Betrachtung eines außergewöhnlichen Zustandes

Um die falschen Hoffnungen gleich von vorherein wegzunehmen: ich werde nicht philosophieren, sofern man dieses Verb im wörtlichen Kontext so verwendet (Kann ein Wort seine ursprüngliche Bedeutung komplett verlieren und nur noch sinnbildlich verstanden werden? Klar, oder? Mir fällt nur gerade kein treffendes Beispiel ein.).

Ich möchte einzig aus Erfahrung sprechen: Schwangerschaft, Geburt und die ersten Wochen mit dem eigenen kleinen Schatz verändern, und zwar außerordentlich, fast alle Facetten des Lebens. Geben diesem, ganz abstrakt, plötzlich einen weiteren, anderen Sinn, verschieben Prioritäten, legen Maßstäbe neu an, geben und verlangen einen riesigen Haufen an Kraft, lassen einen Höhen und Tiefen von Gefühlen durchleben, die so noch nie da waren. Puh.

Nun, da hat es mich in den letzten neun Monaten immermal interessiert, ob es denn nicht gescheite Philosophen gäbe, die diese Zustände durchdacht und analysiert sowie in eine Theorie gepackt hätten. Diese hätte ich gerne gelesen. Die Probleme bei der Sache: das Werk eines männlichen Philosophen hätte ich zwar gelesen, nur von vornherein als lächerlich bzw. spekulativ abgetan, da man schlecht ernsthaft über etwas schreiben kann, was man nicht durchlebt hat. Und leider, leider gibt es aus historischen Gründen eher wenig Werke von weiblichen Philosophen, so dass hier schlicht kaum Auswahl ist. Ohne einen zufriedenstellenden Fund stoße ich dann doch zufällig auf genau das, was ich gesucht habe.

Aus Gründen der reinen Vollständigkeit bestellte ich mir das Hauptwerk von S. de Beauvoir („Das andere Geschlecht“), um es endlich selbst zu lesen. Und siehe da, von Seite 1 ab betrachtet sie meine Fragestellungen wunderbar klar und analytisch von verschiedenen Ebenen aus, genau das was ich gesucht hatte! Man stelle sich die Situation vor, da sitze ich nun als eine der frischgebackenen Existenzformen, die sie in ihrem Werk darlegt, stille meine Kleine und lese, wie sie genau diese Rolle zerpflückt nach ihrer historischen, mystischen und existierenden Bedeutung, Herkunft, wie auch immer. Ich kann also live aus der Erfahrung heraus ihre Analyse nachvollziehen und ihre Kritik auf den Ist-Zustand beziehen.

Eine erheiternde Situation, die ich gerne teilen wollte.

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Ein Auszug

Erst als Roman konzipiert, wird es wohl eine Erzählung werden, umrankt von Episoden dieser Art.

…Sie stand in einem Waldstück, Bäume links und rechts von ihr. Zuerst war er ihr gar nicht aufgefallen, dieser eine Baum. Beim zweiten Blick allerdings merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Er war zu perfekt, zu hell die Farben, keine fehlerhaften Stellen, kein Schmutz zu sehen, keine von Wind oder Vögeln abgerissenen Blätter.
Das musste sie näher betrachten. Sie stellte sich direkt vor den Baum, befühlte die Rinde, betastete die Blätter, legte ihr Ohr an den Stamm und merkte jedesmal, dass es nicht echt war, was sie fühlte. Die Rinde war in gesundem Braun gestrichen, welches ihren faulen, stinkenden Charakter übertünchen sollte. Die Blätter erstrahlten förmlich in einem Grün, welches nur einer Farbpalette entspringen konnte,  jedoch nicht der Natur. Bei näherem Hinsehen verschwand die Illusion allerdings sehr schnell…

…Ein winzigkleines Blättchen hatte sich den Weg ans Licht gebahnt, ganz am Ende eines Ästchens. Hellgrün, leuchtend, inmitten all der kranken Blätter. Es sprühte Leben, verbreitete Helligkeit trotz seiner begrenzten Größe und obwohl es nicht wirklich auffiel. Man fürchtete um das Blättchen, dass es wohl nicht lange leben
würde, von seiner Umgebung vergiftet, des Lebens beraubt, durch den Tod und das Leid um es herum. Und wenn man nicht genau hinsah, so war es auch nicht zu sehen, überdeckt vom Leid, von der Trauer ringsherum…

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Gedanken zur Identität

Jeder Mensch wird als Kind seiner Zeit geboren. Das betrifft sämtliche Lebensbereiche: den des Musikgeschmackes und des Schönheitsideals, der politisch korrekten Einstellung, der Einstellung zu Geschlechterrollen und zur technischen Entwicklung um nur eine Handvoll zu nennen. Jede Generation wird von der Menschheitsgeschichte im Rückblick und der aktuellen Entwicklung auf ganz eigene Weise geprägt.
Die Herausforderung besteht darin, daraus seine eigene Identität herauszubilden um kreativ mit den Anforderungen des Lebens umgehen zu können. Dies ist es, was ich vorerst für mich als den sogenannten „Sinn des Lebens“ verstehe.
Was zur Identität gehört, ist ebenso komplex, wie diese ganzen Gedanken bisher. Ich nenne nur einiges, zum Weiterdenken wird aufgefordert: Identität zu haben, heißt, seinen eigenen Charakter und seine Wünsche gut kennenlernen; eine eigene Meinung zu bilden, auch wenn das heißt, sich zu entscheiden zu einer bestimmten Sache keine Meinung zu haben; sich in ein Netzwerk von Beziehungen einzufügen und aktiv zu entscheiden, welche Rolle man einnehmen möchte.

Nun ist in unserer Zeit besonders die Arbeit zur wichtigsten Einheit der Identitätsstiftung geworden. Wer arbeitet und dafür Geld bekommt, der wird akzeptiert und fügt sich gut in den gesellschaftlichen Kreislauf, trägt zum BIP und der Rentenversicherung bei und kann den Kopf erhoben tragen. Schwer um Anerkennung kämpfen müssen dagegen Künstler, Arbeitslose, Studenten, Mütter oder Väter, die für den Nachwuchs sorgen. Ihnen haftet der schmähliche Stempel der Schmarotzerei, der Faulheit und des Unwillens zur Arbeit an, obwohl dies in den wenigsten Fällen so zu sein scheint.

Besonders in diesem Falle wäre es also gut, die eigene Identität nicht von außen bestimmen zu lassen, sondern danach im Inneren zu suchen. Denn es ist eine leere Identität, das zu erfüllen, was von anderen, die dich gar nicht kennen, erwartet wird. Auch die Anerkennung derer verpufft nach nicht allzu langer Zeit.
Die Sicherheit seiner Selbst aber begleitet einen das gesamte Leben lang.