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Augenblicke. Hier: Auf dem Dorf

Auf einem Dorf – und damit meine ich kein hypothetisches, sondern ein real existierendes kleines Dorf, mit gar nicht mal so vielen Bewohnern, die sich alle mehr oder weniger gut kennen. Auf diesem Dorf nun gibt es eher wenige Orte oder Zeiten, an denen sich die Menschen versammeln (können). Kein gemeinsames Tatort-Schauen, keine Konzerte, keine Kneipen. Da gibt es zumindest den Gottesdienst in der Dorfkirche, das Dorffest, die Kirmes und evtl. noch ein Straßenfest, ach und das alljährliche Reitfest natürlich.

Die schönste Ansammlung aber ist eindeutig diejenige am Samstag morgen (gegen 8 Uhr) beim Bäcker. Frische Brötchen, Brot sowie Kuchen für das Wochende muss besorgt werden. Denn sonntags haben ja alle Läden zu. Die Menge ist äußerst divers, alt und jung, Frauen und Männer und so. Neben einem gemurmelten „Morgn“ wird kaum geredet. Nur hier und da, aber es soll ja schnell gehen, die Schlangen (drei an der Zahl drängen sich auf engstem Raum) werden lang und länger.
Aus irgendeinem Grund grüßt der bekannte Vater nur widerwillig, fast unfreundlich, obwohl wir uns des öfteren begegnen. Vielleicht weil er Streß hat, seine Frau das sechste Kind erwartet, irgendwas.
Die Kassiererin macht hin und wieder Smalltalk. Vermieden werden aber kritische Themen, die nur unter vier Augen besprochen werden und wobei das Gespräch sofort verstummt, sobald ich dazutrete. …ganz schön schwierig für die, die da wohnen, da wird ganz schön viel zugemutet…“ Natürlich geht es um die neu zugezogene Familie aus Syrien. Die Vorurteile sitzen tief. Den Rassismus will nur niemand offen zugeben. „Nazis? Wir doch nicht, wir sind doch christlich hier im Dorf.“ Mir wird schlecht bei solcher Scheinheiligkeit.
Dann riecht es wieder so gut. Frisch gebacken. Die Bäckerin bringt eine neue Stiege Brötchen. Viel Auswahl habe ich aber nicht mehr, da hätte man eher kommen müssen. Der Heimweg ist beseelt von dem Appetit auf ein leckeres Frühstück.

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the game is on

Manchmal komme ich mir vor, wie in einer schlechten aber dennoch witzigen Gameshow. Aufreibend für die Teilnehmenden, aber von außen betrachtet recht witzig. (Gut, dass ich mich auch manchmal mit Abstand betrachten kann). Und das kommt so:

Stellt euch vor ihr seid in einer Reality-Show und hättet täglich dieselbe Aufgabe, die darin besteht, eine Spielpartnerin* ins Bett zu bringen. Nun darf sich diese Mitspielerin ein kleines, aberwitziges Detail ausdenken, jeden Tag neu, welches zuerst erfüllt sein muss, bevor diejenige bereit ist, einzuschlafen. Und ich meine wirklich dämliche Dinge, nichts so offensichtliches wie: zu warm, zu kalt, zu hell. Sondern: ein Buch unterm Bauch oder das Kopfkissen AUF dem Kopf und nicht darunter. Erst wenn ihr dieses Detail exakt so hergerichtet habt, ist Ruhe. Ohne jegliche verbale oder andersweitige Hinweise. Ewigkeiten kann das dauern, kann man sich ja vorstellen. Kurz vor der Verzweiflung – keine Seltenheit. Und es ist ja nicht so, dass man einfach die Show abbrechen könnte und nach Hause gehen.
Denn, ihr ahnt es, die Gameshow ist mein Leben und  ja, ich meine natürlich das Kind beim abendlichen Zubettgehen. Ich bin jedoch schon ziemlich weit gekommen, in diesem Spiel, finde ich.

Schön auch, dass es wohl Kinder gibt, die man wach ins Bett legen und rausgehen kann (ich hörte davon). Aber wie langweilig wäre das denn, nicht wahr? The game must go on!

*Ich verwende generisches Femininum. Spielpartner sind natürlich mitgemeint, die stecken ja schon im Wort drin, nicht wahr.

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Eigentlich

Eigentlich wollte ich schon letzte Woche etwas schreiben. So richtig positiv.

haende

Hände – groß und klein

Darüber, wie schön ich es mittlerweile finde, Zeit mit dem Kind zu verbringen, also fast gar nicht mehr anstrengend und meinen eigenen Bedürfnissen/Vorstellungen entgegenlaufend, sondern richtig herzerwärmend und toll. Einen Monat vor dem 2. Geburtstag (!wow!) kann es sich richtig gut ausdrücken, die meisten Sachen benennen, sagen, was es will und was es nicht will, es ist oft ausgeglichen, freut sich über kleinste Dinge, lässt sich leicht begeistern und kann vieles selbst machen (Papier schneiden, sich die Hände waschen, ganzen Joghurt auslöffeln…). Am liebsten ist es bei und mit anderen Kindern, was ich gerne jederzeit ermögliche, ob es nun die Kinder aus der Einfamilienhaussiedlung in der Nähe sind oder der Cousin.
Letzte Woche (die Woche vor unserem Urlaub) war ansonsten eine normale Arbeitswoche, außer dass meine Kollegin im Urlaub ist, ich ihre unverschiebbaren Aufgaben teils mit leisten muss und der Chef gerade aus dem Urlaub zurückkam und seine theoretische zweite Urlaubswoche absagte und die Firma mit Streß und Arbeit erfüllte. Es war also anstrengend auf Arbeit, ein schöner Kontrast am Nachmittag mit dem Kind. Am Freitag war nachmittags ein Lehrgang, was den Streß potenzierte, mir die sonstige Mittagspause nahm und ich erst kurz vor 5 zuhause war. So fertig war ich schon lange nicht.Und dann, am Samstag, dem ersten freien Tag, fühlte es sich so an, als würde ich zusammenbrechen. Kraft: Fehlanzeige, Motivation: keine, Geduld: fast aufgebraucht, Freude: wo? Das kenne ich schon aus der Prüfungszeit oder anderen größeren Anstrengungen. Da lebt man nun auf etwas hin und gibt alles, um die schwierige Zeit vorher zu überstehen und dann ist es soweit (endlich Ferien!) und man stürzt erstmal in ein Loch. Schwierig, das. Vor allem, da ich (ungeplant) erstmal alleine mit dem Kind war.
An der Stelle wollte ich dann eigentlich wieder in den Blog schreiben und mich beschweren, dass ich gerne einfach wieder Alltag hätte, dass ich genug vom Urlaub habe und der schon lange nicht mehr das ist, was er mal war.

Na und dann ging auch der Tag vorbei, besser als ich befürchtete. Es war Kinderstraßenfest, wo ich viele Bekannte getroffen habe, am Sonntag ein kleiner familienbedingter Ausflug mit dem Auto etwas weiter weg, was das Kind gut mitgemacht hat (ist nicht selbstverständlich). Das war auch gut, obwohl kein schöner Anlass. Das Kind ist abends deshalb zeitig ins Bett, ich auch und endlich mal wieder war es eine gute Nacht (kühl, keine Party vor dem Fenster, kein Gewitter, keine Mücken).

Heute morgen also sah unsere Urlaubswoche gar nicht so schlecht aus. Und stellen Sie sich vor, ich hatte sogar etwas Zeit für mich! Der Mann furh mit Kind zum Einkaufen und ich in den Garten. Gerade als ich ankam, fing der Himmel an, aus allen Wolken Wasser zu schütten, so dass ich mich knapp noch in die Hütte retten konnte. An Gartenarbeit war nicht wirklich zu denken, ein Buch hatte ich leider nicht mit. Also just-for-me-moment! Aber sowas von. Einfach da sein, nach innen gehen können, von nichts und niemand gefordert, gedrängt werden. Danke!

Und eigentlich war es höchste Zeit für me-time, denn das fiel in letzter Zeit ziemlich dünn aus. Ich bin nun wieder versöhnt mit der Welt. Denn eigentlich ist mein Leben gerade gar nicht so schlecht.

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der Papa

Ich denke, das Kind hat mit 16 Monaten noch keine Vorstellung von Entfernung. Oder von Zeiträumen wie etwa einer Woche. Eines aber ist sehr präsent im kleinen Köpfchen. Dass es da jemand gibt, den es „Papa“ nennt und der so richtig sehr zum Leben dazu gehört. So wie in den letzten 4 Wochen über Weihnachten. Beim Aufwachen war er meist da, abends hat er häufig Gute Nacht gewünscht. Er hat das Kind im Transporter mitgenommen usw.

Nun kommt es aber sehr häufig vor, dass dieser Papa von Montag bis Donnerstag nicht da ist. So wie diese Woche. Und viel stärker als vorher bemerke ich, wie das Kind den Papa vermisst. Sind wir im Badezimmer morgens zum Wechseln der Windel, zeigt es zum Fenster raus auf den Parkplatz, wo normalerweise der Transporter steht und sagt „Papa“. Ziehen wir uns am, um zur Tagesmama zu fahren, so bringt es mir erst meine Schuhe (ganz lieb, ne) und zeigt dann auf die Jacke vom Mann und sagt „Papa“. Kommen wir wieder heim, ist der erste Gang ins Büro, um zu schauen ob der Papa da ist. Heute beim Wäscheaufhängen bin ich ganz vertieft, als das Kind vorm Wäschekorb plötzlich ganz bestimmt „Papa!“ sagt. Ich schau genauer hin und tatsächlich, ein T-Shirt vom Mann liegt auch noch drin, ich lasse es ein bisschen damit kuscheln und hänge es dann auf. Kurze Zeit später macht mir das Kind energisch mit „Mamamama“ (wer Kinder hat, kennt diesen Ton) und einem liebevollen „Papa“ deutlich, dass es das Shirt wiederhaben möchte. Ich nehme es von der Leine und gebe es ihm. Und nun läuft das Kind stolz durch die Wohnung, schleift Papas T-Shirt hinterher (hätte ich mal vorher saubergemacht…) und ist zufrieden.

Was für eine schöne Papa-Kind-Beziehung!